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Jede
Kirche hat ihre ganz eigene Orgelgeschichte. Das ist bei der Kath.
Pfarrkirche Herz-Jesu in Halle/Westfalen am Teutoburger Wald nicht
anders. Die relativ kleine Kirche im neogotischen Baustil mit ca. 250
Sitzplätzen besitzt eine vergleichsweise kleine Empore in der Größe von
ca. 4 m Breite, 4 m Tiefe und nur 3 m Höhe, wobei ein gotischer
Spitzbogen noch zusätzlich die Verbindung von Empore zum Kirchenschiff
verengt. Eine Voraussetzung also, die klanglich für die Aufstellung
einer Orgel nicht gerade unproblematisch ist.
Die Vorgängerorgel
Die
Vorgängerorgel wurde erst Anfang der 1980er Jahre eingebaut, war aber
in vielerlei Hinsicht sehr unbefriedigend. Mit der Absicht, das mittige
Emporenfenster freizulassen, wurde damals ein denkbar ungünstiger
Orgelstandort gewählt. Zum einen standen die beiden Windladen der
elektrischen Schleifladenorgel um 90° verdreht zum Kirchenschiff, d. h.
das Hauptwerk/Pedal auf der einen Turmseite und genau gegenüber das
kleine Schwellwerk, wovor sich direkt angebaut auch der 2-manualige
Spieltisch befand. Der Schall verfing sich nun zwischen den beiden
Orgelwerken und der Spitzbogen sowie eine Glasbrüstung verhinderten,
dass der Klang direkt ins Kirchenschiff gelangen konnte. Für den
Organisten, der sich zwischen den beiden Werken befand, eine äußerst
unangenehme Situation. Der Klang war oben auf der Empore viel zu laut
und bei der Gemeinde unten kam nur wenig an. Die Orgel konnte somit
auch den Gemeindegesang nicht führen, sondern spielte eher mit. Hinzu
kam eine lückenhafte neobarocke Disposition bis hin zur Zimbel 1/2' und
vielen Registern aus minderwertigem Zink, die klanglich in keinster
Weise überzeugen konnten.
Die umfassende
Kirchenrenovierung im Jahre 2000 war für den Verfasser, der als
nebenamtlicher Organist dieser Gemeinde tätig ist, Anlass, sich mit dem
Orgelproblem dieser Kirche näher zu befassen. Nach der Diskussion mit
mehreren Orgelbauern stellte sich schnell heraus, dass es keinen Sinn
machte, die alte Orgel zu überarbeiten. Die grundsätzlich falsche
Aufstellung zum Kirchenraum konnte aufgrund der vorhandenen
Windladenmaße nicht verändert werden. Die Gemeinde hätte zudem noch
viel Geld in die Reinigung und die Überarbeitung der Orgel investieren
müssen. Auch der damalige Orgelsachverständige Helmut Peters hat uns
dringend davon abgeraten, noch Geld in dieses Instrument zu stecken.
Das neue Klangkonzept
Die
besonderen räumlichen Voraussetzungen und die Fehler der Vorgängerorgel
verlangten nun nach einem grundsätzlich neuen Konzept. Es wurden auch
Aufstellungsalternativen im vorderen Querschiff geprüft, aber schnell
aus architektonischen und Platzgründen wieder verworfen. Zunächst war
einmal wichtig – unabhängig von einer evtl. stilistischen Ausprägung –
dass möglichst viel Klangvolumen direkt in das Kirchenschiff
gelangt. Ein Orgelkonzept mit Rückpositiv bietet dafür eine gute
Voraussetzung. Der Verfasser wollte darüber hinaus ein symphonisches
Orgelkonzept verwirklichen, das mit der Entstehungszeit (um 1908) der
Kirche im Einklang steht. Auch wenn das Instrument eine breite
stilistische Palette der Orgelliteratur darstellbar machen sollte, so
gab es den Anspruch, der Orgel einen besonderen, unverwechselbaren
Charakter zu verleihen. Die Stilistik der symphonischen
französisch-romantischen Orgel mit ihren charakteristischen Zungen und
überblasenden Flöten sollte bei der neuen die Klangbasis bilden.
Normalerweise setzt dieser Orgeltypus eine entsprechende Größe und vor
allem auch ein reichlich besetztes Schwellwerk voraus. Der Grundriss
der Empore aber auch die Größe der Kirche begrenzte die Anzahl der
möglichen bzw. sinnvollen Register. Die Herausforderung bestand also
darin, unter diesen Rahmenbedingungen ein Klangkonzept zu entwickeln,
durch das sich auch größere symphonische Werke, wie z. B.
Orgelsymphonien von Guilmant und Widor, annähernd überzeugend
darstellen lassen – bei nur etwa 20 Registern. Natürlich sollte auch
barocke Literatur – deutsch und französisch – ohne Kompromisse
darstellbar sein. Also eine gewisse Zeitlosigkeit mit unverwechselbarem
Charakter. Ein scheinbarer Widerspruch, der mit dieser neuen Orgel von
Jäger & Brommer aufgelöst werden konnte.
Der technische Aufbau
Neben
dem eher barock disponierten Rückpositiv erhielt die neue Orgel ein
schwellbares (!) Hauptwerk mit den charakteristischen romantischen
Stimmen, inklusive Streichern, drei französischen Zungen und einem
Plein Jeu – eigentlich Registern, die man üblicherweise im
französischen Récit findet. Sämtliche Pedalregister werden über
Transmissionen aus dem Hauptwerk erzeugt, so wie man das von kleineren
Cavaillé-Coll-Orgeln kennt. Die beiden wichtigsten Register des Pedals
– der Subbass 16' (Bourdon 16') und Octavbass 8' (Principal 8') – sind
nicht schwellbar, da sie hinter dem Gehäuse an der Turmwand bzw. im
Prospekt stehen. Damit ist sichergestellt, dass das Pedal über die
nötige Stärke auch bei geschlossenem Schweller verfügt. Genau genommen
verfügt die Orgel über lediglich zwei Teilwerke: das Rückpositiv und
das Hauptwerk. Aber wie lässt sich daraus eine symphonische Orgel
konzipieren?
Der Spieltisch mit mechanischer Tontraktur
und elektrischer Registertraktur ist zusätzlich zu den beiden
Manualwerken (Rückpositiv III. Manual, Hauptwerk/Schwellwerk II.
Manual) und dem Pedal mit einem Koppelmanual (I. Manual) ausgestattet,
das permanent mit dem Rückpositiv verbunden ist. Über die
Suboktavkoppel lässt sich das Rückpositiv zusätzlich auf das
Koppelmanual querkoppeln. Die Windversorgung, die Pfeifenmensur und
auch die Intonation ist so ausgelegt, dass nun aus dem Rückpositiv ein
voluminöses Hauptwerk auf Principal 8'-Basis geworden ist. Die
Tatsache, dass die untere Oktave nicht ausgebaut ist, fällt spätestens
nach der zusätzlichen Kopplung des reichlich besetzten Schwellwerkes
mit seinen zwei 16'-Registern und dem nicht schwellbaren Principal 8'
aus dem Prospekt nicht mehr ins Gewicht. Aus diesem Aufbau ergibt sich
zur Darstellung symphonischer Orgelmusik eine praktisch dreimanualige
Orgel mit den benötigten Teilwerken Hauptwerk (I), Schwellwerk (II) und
Positiv (III). Die eingebaute Setzeranlage erleichtert dabei die
schnellen Registerwechsel.
Bei der Darstellung von
Barockmusik ist die Werkaufteilung nach klassischem Vorbild vorgesehen,
das Hauptwerk ist jetzt wirklich das Hauptwerk und weiß aufgrund der
ausdrucksstarken Principale und des glänzenden Plein Jeu auch bei
französischem und deutschem Barock zu überzeugen. Das Rückpositiv –
eigentlich ein typisches Merkmal barocker Orgeln – mit seinem
aufgefächerten Cornet und dem Cromorne 8' lässt reizvolle
Klangabstufungen und -mischungen nach barockem Vorbild zu. Ein dezentes
Scharff stellt die Verbindung zum norddeutschen Barock her. Als
Stimmungsmodell wurde bewusst eine modifiziert ungleichstufige
Temperierung nach Bach/Kellner gewählt. Es sind dabei alle Tonarten gut
spielbar, jedoch die Grundtonarten gewinnen gegenüber der
gleichstufigen Temperierung deutlich an Reinheit.
Innovative Konzepte im Orgelbau
Interessant
war bei der Ausschreibung, die in Zusammenarbeit mit OSV Helmut Peters
angefertigt wurde, dass einige Anbieter dieses unkonventionelle Konzept
des Verfassers teilweise ignoriert, teilweise auch wohl nicht
verstanden haben. Innovative konzeptionelle Ideen verlangen ebenso
innovativ denkende Orgelbauer, die auch bereit sind, in den intensiven
Dialog zu treten. Die Orgelbauer Jäger & Brommer waren sofort von
der neuartigen Konzeption angetan und haben ein in jeder Hinsicht
überzeugendes Ergebnis geliefert. Auch die Fachwelt zeigte sich bisher
sehr interessiert an diesem neuen Konzept. Christoph Grohmann,
ehemaliger Orgellehrer des Verfassers, diente bei diesem Projekt nicht
nur als kompetenter Diskussionspartner und Berater, sondern spielte
auch das Einweihungskonzert. Die Abnahme der Orgel erfolgte durch
Johannes Krutmann, Beauftragter für den Orgelbau in der Erzdiözese
Paderborn.
Die Fachwelt ist herzlich eingeladen, sich
von diesem ungewöhnlichen Instrument ein persönliches Bild zu machen.
Die Orgelfestschrift kann über das Kath. Pfarrbüro Halle,
Bismarckstraße 13, 33790 Halle/Westfalen oder per eMail (herzjesu@gmx.de) für 6 € bezogen werden.
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